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change Magazin – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

So hat Moe aus Syrien den Sturz des Assad-Regimes erlebt

Die syrische Ortschaft Maalula am Fuß eines Felsens
N E U
nyiragongo - stock.adobe.com

Moe: „Das Ende des Assad-Regimes war der glücklichste Moment meines Lebens!“

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  • 3. April 2025

Wie haben Menschen aus Syrien das Ende des Assad-Regimes erlebt? Darüber hat change mit Moe gesprochen, der aus Syrien stammt und seit 2015 in Deutschland lebt. Im Interview erzählt er uns außerdem, wie der Bürgerkrieg sein Leben geprägt hat und was er sich für die Zukunft wünscht.

Im Dezember 2024 war Syrien plötzlich wieder überall in den Nachrichten: In einem Blitzangriff hatte die islamistische Haiʾat Tahrir asch-Scham-Miliz große Teile des Landes eingenommen. Baschar Al-Assad, langjähriger Machthaber in Syrien, floh aus dem Land ins russische Exil. Moe, der aus Syrien stammt, hat uns erzählt, wie er den Moment erlebt hat, als klar wurde, dass das Assad-Regime Geschichte ist.

Moe im Porträt

Moe …

… ist 2015 als minderjähriger Geflüchteter aus Syrien über die Türkei nach Deutschland gekommen. Mittlerweile ist er deutscher Staatsbürger und absolvierte nach seinem Einser-Abitur ein duales Studium im Bereich International Management. Zusätzlich arbeitet er im Bertelsmann Konzern in Gütersloh. Mehr über Moes Geschichte erfährst du auch in diesem Video.


change | Das Ende des Assad-Regimes in Syrien im Dezember 2024 kam völlig überraschend: Wie hast du auf den Umsturz reagiert und wie hast du dich dabei gefühlt?

Moe | Für mich waren die Ereignisse sehr bewegend. Ich bin in Syrien geboren und aufgewachsen. Meine Familie und ich haben jahrzehntelang unter dem Regime gelitten. Ich hatte die Hoffnung längst aufgegeben, dass Baschar Al-Assad jemals gestürzt werden würde. In den Tagen vor dem 8. Dezember konnte ich nichts anderes tun, als die Nachrichten aus Syrien zu verfolgen. Als klar wurde, dass Assad tatsächlich gestürzt worden war, war das der glücklichste Moment meines Lebens.

Du selbst bist schon seit 2015 in Deutschland und bist auch deutscher Staatsbürger. Hast du noch Familie in Syrien?

Ich habe drei Geschwister, die seit 2014 mit meiner Mutter in der Türkei leben. Im Oktober 2024 ist einer meiner Brüder mit seiner Familie nach Syrien zurückgekehrt, weil die Situation für syrische Flüchtlinge in der Türkei immer schwieriger wurde. Es kommt immer häufiger vor, dass Geflüchtete einfach auf der Straße verhaftet und abgeschoben werden. Um zu verhindern, dass die Familie auseinandergerissen wird, hat sich mein Bruder dann entschieden, mit seiner Frau und den Kindern nach Nord-Aleppo zu ziehen, eine Region, die auch vor dem Dezember 2024 nicht mehr vom Regime kontrolliert wurde. Seitdem habe ich mir große Sorgen gemacht, dass auch diese Region wieder unter die Kontrolle von Assad fallen könnte – zum Glück ist das nicht passiert.

Wie haben dein Bruder und seine Familie den Machtwechsel in Syrien erlebt?

Mein Bruder meinte, es sei unbeschreiblich, wie groß die Freude war. Die Menschen rannten aus ihren Häusern und tanzten und feierten auf den Straßen. Nach den langen Jahren des Bürgerkriegs waren die Menschen erschöpft und hoffnungslos, und plötzlich war alles anders. Der Tyrann, der das Land so viele Jahre unterdrückt hat, war weg.
 


Ich kann mir vorstellen, dass es auch für dich eine riesige Erleichterung gewesen sein muss, zu wissen, dass deiner Familie und dir in Syrien jetzt keine Gefahr mehr durch das Assad-Regime droht.

Definitiv! Ich habe Syrien vor meinem 18. Geburtstag verlassen, unter anderem, weil ich nicht in die Armee eingezogen werden wollte. Unter Assad gab es für mich nur zwei Möglichkeiten: entweder ich schieße auf meine eigenen Landsleute oder ich werde erschossen, wenn ich mich weigere. Deshalb war ich auch viele Jahre nicht in Syrien, denn junge Männer, die den Militärdienst verweigerten, landeten in Foltergefängnissen. Das war eine weitere Strafe des Regimes: Assads Gegner:innen sollten ihre Heimat nie wieder sehen dürfen.

Planst du jetzt einen Besuch in Syrien?

Ich möchte unbedingt noch in diesem Jahr nach Syrien reisen. Ich träume schon so lange davon, meine Heimat wiederzusehen, aber ich hatte die Hoffnung längst aufgegeben, dass das jemals wieder möglich sein wird. Ich möchte den Ort wiedersehen, an dem ich aufgewachsen bin. Es wird wahrscheinlich kein schönes Erlebnis werden, denn Homs, meine Heimatstadt, ist zu zwei Dritteln zerstört. Trotzdem möchte ich sehen, wie es dort heute aussieht, auch wenn es ein trauriger Anblick sein wird.

Deine Mutter und deine beiden anderen Geschwister leben nach wie vor in der Türkei, oder?

Ja, meine Schwestern plant, bald mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Syrien zurückzukehren. Meine Mutter und mein mittlerer Bruder wissen es noch nicht. Obwohl das Regime jetzt weg ist, ist die Lage unsicher und man weiß nicht genau, wie sich die neue Situation entwickeln wird.
 

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Du bist heute 27 Jahre alt. Im Jahr 2011, als der Bürgerkrieg angefangen hat, warst du erst 12. Wie sind deine Erinnerungen an Syrien in der Zeit vor dem Krieg?

Das Leben vor dem Krieg habe ich als sehr schön in Erinnerung. Ich bin gerne zur Schule gegangen und habe mich als jüngstes Kind in meiner Familie immer sehr wohl und geborgen gefühlt. Uns ging es finanziell gut, ich hatte eine normale und schöne Kindheit, würde ich sagen.

Und nach dem Ausbruch des Krieges?

Alles, was nach 2011 kam, steht im krassen Gegensatz dazu. Danach war mein Leben bestimmt von Krieg, Bombardierungen und militanten Gruppen. Von Flucht und Angst um meine Familie und mein Leben und von großer Ungewissheit über die Zukunft.
 

"Nach den langen Jahren des Bürgerkriegs waren die Menschen erschöpft und hoffnungslos, und plötzlich war alles anders. Der Tyrann, der das Land so viele Jahre unterdrückt hatte, war weg."

- Moe


Bereits einen Tag nach dem Sturz von Assad forderten einige deutsche Politiker:innen die Rückführung von Syrer:innen mit Asylstatus aus Deutschland. Hast du mitbekommen, wie solche Forderungen von der syrischen Community aufgenommen wurden?

Ich muss an einen guten Freund meines Bruders denken, der seit zwei Jahren in Deutschland lebt, ebenfalls in Gütersloh. In Syrien musste er sich jahrelang verstecken, weil er wehrpflichtig war, aber nicht zum Militär wollte. 2023 hat er es endlich geschafft, das Land zu verlassen und sich nach Deutschland durchzuschlagen. Später holte er auch seine Frau und sein heute achtjähriges Kind nach. Die Familie hat jetzt subsidiären Schutz. Im Moment macht er sich große Sorgen, dass sie diesen Schutzstatus verlieren könnten. Die Reise nach Deutschland war für ihn extrem teuer, er hat sein gesamtes Hab und Gut in Syrien verkauft und sich verschuldet. Jetzt haben er und seine Frau Jobs gefunden und lernen Deutsch, auch sein Kind geht in Gütersloh zur Schule. Plötzlich ist die Situation wieder völlig ungewiss – er hat große Angst vor der Zukunft!
 

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Du selbst absolvierst ein duales Studium und arbeitest beim Bertelsmann Konzern. Was sind deine Pläne und Wünsche für die Zukunft?

In erster Linie wünsche ich mir, dass ich mein duales Studium bei Bertelsmann erfolgreich abschließe und im Anschluss weiterhin dort arbeite. Für mein Leben in Deutschland wünsche ich mir, dass die gesellschaftliche Stimmung hier wieder besser wird. Nach den Ergebnissen der Bundestagswahl bin ich sehr besorgt. Ich wünsche mir sehr, dass Deutschland stabil bleibt und wieder etwas von der Willkommenskultur zurückgewinnt, die es gab, als ich 2015 hierherkam!

Und was wünschst du dir für Syriens Zukunft?

Aus meiner Sicht ist es derzeit am wichtigsten, dass die westlichen Sanktionen gegen Syrien aufgehoben werden. Die Sanktionen waren gegen das Assad-Regime gerichtet. Jetzt, wo Assad weg ist, macht es keinen Sinn mehr, sie noch länger aufrechtzuerhalten. Sie machen es den Menschen in Syrien nur unnötig schwer, wieder auf die Beine zu kommen. Ich wünsche mir, dass in den nächsten Jahren wieder wirtschaftliche Stabilität einkehrt, denn dann werden sich auch weniger Menschen radikalisieren.

Danke für das Gespräch, Moe!

Die Welt wandelt sich ständig: Mit Projekten rund um die Themen Demokratie und Partizipation setzten sich die Expert:innen der Bertelsmann Stiftung damit auseinander, wie wir drängende Probleme unserer Zeit lösen können.